Mandy Gehrt, Kseniia Shachneva und Isabell Wiehmert arbeiten seit gut einem Jahr in der vom Strukturwandel geprägten Stadt Zeitz. Ihre außergewöhnliche Mission? Als Bauhaus Agentinnen wirken! Im Rahmen des sachsen-anhaltischen NEB_PROJEKTs Reallabor ZEKIWA Zeitz (RZZ) sind sie unterwegs zu Kindern und Jugendlichen der Stadt, gehen in Schulen, leiten Arbeitsgemeinschaften, initiieren Projekttage und Projektwochen und gestalten Stadtevents mit. Alles mit dem Ziel, generationsübergreifend künstlerisch-gestalterische Zugänge zu eröffnen und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und damit das Bewusstsein für Talente, Kompetenzen und „Superkräfte“ zu vermitteln. Im Gepäck: die Werte des Neuen Europäischen Bauhauses SCHÖN, NACHHALTIG, GEMEINSAM und die Überzeugung, dass die Ideen des historischen Bauhauses damals wie heute in die Zukunft weisen.
„So ein Angebot müsste es hier immer geben!“ Es war das Fazit einer der Besuchenden mit ihren Kindern bei „Große Spiele. Kleine Spiele“, dem Beitrag der Bauhaus Agentinnen zum 4. Zeitzer Kunstfestival. Zwei Tage am vorletzten Augustwochenende hatte sich dafür der „Raum der Möglichkeiten“ im ehemaligen Hauptgebäude der einstigen ZEKIWA-Kinderwagenfabrik in eine große bunte Spiellandschaft verwandelt. Kinder mit ihren Eltern wuselten und wimmelten durch die weite Halle, luden Stationen zum Mitmachen, Mitbauen, Mitgestalten ein und war man buchstäblich auf einer Reise des Staunens: um zu erspüren, wie viel Spiel in der Kunst stecken kann.
Wer genau hinschaute, konnte vor allem das entdecken, was die Agentinnen seit ihrem „Amtsantritt“ vor gut einem Jahr in Zeitz im Auftrag der Stiftung Bauhaus Dessau mit Kindern, Jugendlichen und außerschulischen Akteuren erschaffen haben: bunte und haptisch ansprechende Spiel- und Gestaltungselemente aus wiederverwendeten und nachhaltigen Materialien: etwa das „Monster-Stempel-Spiel“ aus der Pestalozzischule, phantasievolle Upcycling-Objekte aus der Sekundarschule III oder prototypische Möbel- und Raumelemente aus der Kooperation u. a. mit der Berufsbildenden Schule des Burgenlandkreises am Standort Zeitz. Und nicht zuletzt Exponate des großartigen Projekts „Denk nicht an Elefanten“, welches man gemeinsam mit dem Upsala-Circus auf die Beine stellte und das dem diesjährigen Zeitzer „Große Leute“-Circus-Karneval das Motto lieh. Krasse, liebenswerte und vor allem selbst gebaute Elefanten-Kreaturen waren in Mitmachwerkstätten vorab entstanden und tummelten sich selbstbewusst und ausgelassen auf der bunten Sommer-Stadtparade. Ein unvergesslich schöner Moment.
Agentin im Auftrag der Stiftung Bauhaus Dessau sein, aber was heißt das genau? Undercover arbeiten? „Nein, natürlich nicht“, lächelt Isabell Wiehmert. „Ganz im Gegenteil. Wir sind sichtbar und in der Stadt vor allem zu den jungen Menschen unterwegs, um die Ideen des historischen Bauhauses in ihrer Verbindung von Kunst, Handwerk und Technik in Gemeinsamkeit weiterzutragen – und im Sinne des Neuen Europäischen Bauhauses (NEB) im Heute für die Zukunft weiterzuentwickeln! Es ging immer um den Mut zum Experiment, zum Ausprobieren, um das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Kraft der Gemeinschaft.“ Isabell ist Kunstpädagogin, Mandy Gehrt hat Kunstpädagogik und Bildende Kunst studiert und Kseniia Shachneva, die Dritte im Bunde, ist Architektin und Designerin aus Russland. Sie alle haben vielfach Erfahrung in soziokulturellen und kunstpädagogischen Projekten, auch jenseits der großen Städte. Mandy: „Die Kinder und Jugendlichen erfahren bei uns, dass es gelingen kann, mit Ideen, Phantasie und Mut das eigene Lebensumfeld aktiv mitzugestalten – und zu sehen, wie viel Freude und Spaß man dabei haben kann.“ Die Welt ist beständig im Wandel. Und die Wagnisse groß. Das Schlüsselwort dabei: Selbstwirksamkeit! Bei den Bauhaus Agentinnen sind das übersetzt „Superkräfte“, über die alle von uns verfügen und aktiviert werden wollen.
Das kann eine Erfahrung fürs Leben und wichtig sein in einer Stadt, die von den wirtschaftlichen und sozialen Brüchen der letzten drei Jahrzehnte gezeichnet ist. Exemplarisch steht dafür ZEKIWA Zeitz, die einst größte Kinderwagenfabrik Europas. Seit 2025 steht ihre Revitalisierung, insbesondere das seit seiner Schließung verwaiste Verwaltungsgebäude nebst Gelände, im Mittelpunkt des größten sachsen-anhaltischen NEB_PROJEKTs. Sechs Verbundpartner arbeiten experimentell an der nachhaltigen Reanimation und Sinnstiftung des für die Stadtgesellschaft fast ikonischen Ortes. Und einer der NEB-Verbundpartner im „Reallabor ZEKIWA Zeitz (RZZ)“ ist die Stiftung Bauhaus Dessau mit ihren Bauhaus Agentinnen.
Für ihren Auftrag haben die drei aus jeder Schulform einen Partner finden können. Denn bereits 2023 gab es eine dreimonatige Vorrecherche durch die Stiftung Bauhaus Dessau, während der Ideen für das Projekt gemeinsam mit Schulen, Schülerinnen und Schülern entwickelt wurden. Das hat den Zugang in die Stadt geebnet, aber zu Verwirrung führen Namen und Mission zuweilen noch immer. „Beim Wort ‚Bauhaus‘ ploppt bei Manchem die Assoziation zum gleichnamigen Baumarkt auf“, erzählen sie mit einem Lachen im Gesicht, „aber ‚Agentin‘, das finden die meisten cool“ – ob in der Grundschule Stadtmitte, der Förderschule „Johann Traugott Weise“, der Sekundarschule III, an der Pestalozzischule, im Geschwister-Scholl-Gymnasium oder an der Berufsbildenden Schule. „Und wir erweitern unseren Radius um zukünftige Partner“, ergänzt Kseniia, „etwa das Kreazentrum, den krimZkrams-Laden oder die Volkshochschule.“
Beständig und rastlos sind sie mit ihren prall gefüllten „Trollys“ in den Straßen der Stadt zu den Orten ihres Wirkens unterwegs. Immer dabei: kreative, überraschende und auf den Nachhaltigkeitsgedanken ausgerichtete Ideen für Projekte aus allerlei vielgestaltigem Material, ob Verpackungen, Tüten, Flaschen, Textil – Dinge, die normalerweise im Müll landen würden. So entstand auch der gewebte Teppich aus Resten von Bezugsstoffen aus der legendären ZEKIWA-Kinderwagenfabrik. Bauhaus Agentinnen schärfen die Sinne für die Herausforderungen der Zeit.




Kleine Spiele aus Restholz und Pappe hergestellt, von Grund auf etwas Neues Schaffen und selbstgemachte Bälle aus alten ZEKIWA Stoffen / Fotocredit: Transmedial



