„Und das ist überhaupt die größte Herausforderung und größte Experiment am RZZ: dass man für Eventualitäten plant.“
Herr Stieß, Sie sind seit Oktober 2025 als Bauherrenvertreter der Stadt Zeitz für das sachsen-anhaltische NEB_PROJEKT „Reallabor ZEKIWA Zeitz (RZZ)“ tätig. Im Fokus: das ehemalige Industrieareal der Kinderwagenfabrik in der Badstubenvorstadt. Neue Wege werden hier erprobt. Wie ist der Stand?
SSt: In den vergangenen Monaten konnten wir nach europaweiten Ausschreibungen die ersten Planungsleistungen vergeben. Beauftragt sind die Architektur- und Tragwerksplanung für das ehemalige Verwaltungsgebäude 42, die Außenanlagen sowie den „Raum der Möglichkeiten“ im ehemaligen Hauptgebäude 51/52, dem heutigen Stadtarchiv. Lediglich für die Technische Gebäudeausstattung für das Gebäude 42 hat sich bislang kein Planungsbüro gefunden. Da werden wir in eine zweite Runde gehen müssen. Geplant ist zudem ein funktionaler Anbau, der zum einen als zweiter Fluchtweg, zum anderen als Wärmeschichtenspeicher geplant wird. Dafür läuft gegenwärtig ein kleiner Architektenwettbewerb, die Präsentation der Entwürfe ist Ende August 2026. Unser Ziel bleibt, wie vorgesehen im kommenden Jahr mit den Bauarbeiten beginnen zu können. Dafür hoffen wir auf kurze Bearbeitungszeiten bei der Prüfung der Bauunterlagen. Parallel aber wollen wir die Planung ohne Unterbrechung fortsetzen, um keine Zeit zu verlieren. Wir haben nur noch zwei Jahre, dann läuft der Förderzeitraum aus.
Um welche Maßnahmen geht es konkret?
SSt: In der ersten Bauphase konzentrieren wir uns auf die Gebäudehülle des Verwaltungsgebäudes 42, diesen denkmalgeschützten „Rohbau“. Dazu gehören die Sicherung und Reparatur der Fassade und ein neues Dach, das wir uns als sogenanntes Energiedach vorstellen. Gleichzeitig stimmen wir die Sanierung der historischen Fassade eng mit der Denkmalpflege ab. Es wird ein Ergebnis zwischen Reparatur und Restaurierung sein, natürlich mit dem Anspruch die restauratorischen Belange bei z. B. verwendeten Mörteln, Putzen und Steinqualitäten zu beachten.
Ursprünglich war lediglich ein „temporärer Verschluss“ des Gebäudes geplant?
SSt: Richtig. Aber das Gebäude hat in den vergangenen Jahren des ungeschützten Leerstands zu sehr gelitten. Und uns ist jetzt klar: Wir brauchen ein stabiles Innenklima, um weitere Korrosion an den tragenden Elementen zu vermeiden. Fenster müssen eingebaut werden – und das in Abstimmung mit der Denkmalpflege, mit der Bauphysik und den sonstigen Beteiligten.
Die Hochschule Anhalt ist einer von sechs im NEB verbundenen RZZ-Partnern, jeder mit spezifischen Aufgaben im Reallabor, u. a. wird dort an sogenannten PV-Fenstern geforscht.
SSt: Zunächst: Die Hochschule Anhalt hat in Studierendenprojekten eine enorme Vorarbeit geleistet, die auch Grundlage für die Ausschreibungen war. Zudem werden in deren Zuständigkeit im Reallabor nachhaltige Baustoffe, nachwachsende und lokal verfügbare Rohstoffe untersucht und getestet. Auch für die Außenanlagen laufen bereits Versuche, unter anderem zur Vegetation auf dem ehemaligen Industriestandort sowie zum Artenschutz. Diese Erkenntnisse fließen direkt in die weitere Planung ein.
… wie diese experimentellen PV-Fenster?
SSt: Genau. Derzeit werden durch die Hochschule Anhalt verschiedene Photovoltaik-Lösungen untersucht: sowohl konstruktiv als auch im Ertrag. Zwei prototypischen PV-Fenster sollen zum „Tag des offenen Denkmals“ am 13. September 2026 der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Wir sind auf die Ergebnisse sehr gespannt. Neben der Belichtung wird über das Dach und einen Teil der Fenster auch Energie erzeugt und helfen, das Raumklima nachhaltig zu stabilisieren. Insgesamt verfolgen wir ein Konzept mit unterschiedlichen Ausbaustufen innerhalb des Gebäudes, immerhin geht es um rund 200 Außenwandöffnungen auf fünf Etagen. Erd- und Dachgeschoss verbleiben daher eventuell zunächst als Kalträume … Und das ist überhaupt die größte Herausforderung und größte Experiment am RZZ: dass man für Eventualitäten plant.
Weil noch keine Nutzung ist Sicht ist?
SSt: Ja. Wir planen nutzungsoffen. Deshalb lautet zunächst die Frage: Was kann das Gebäude leisten? Entscheidend ist dabei die Tragfähigkeit der Decken. Nach aktuellem Stand sind Wohn- oder einfache Büronutzungen möglich. Eine weitergehende Ertüchtigung ist schon aus Kostengründen derzeit nicht vorgesehen. Unter Hochdruck werden Nutzer bzw. Betreiber gesucht. Die RZZ-Verbundpartner Stiftung Bauhaus und das Forum Rathenau arbeiten an einem Konzept für eine Nutzer- bzw. Trägerstruktur. Zudem gibt es Veranstaltungen wie das Wirtschafts- oder Forschungsfrühstück. Potenzielle Nutzer sollen frühzeitig mit dem Standort zusammengebracht werden. Uns ist wichtig, trotz des enormen Zeitdrucks den Entwicklungsprozess gemeinsam mit der Stadtgesellschaft und möglichen zukünftigen Partnern zu gestalten.
Was reizt Sie persönlich an diesem Leuchtturmprojekt des Neuen Europäischen Bauhauses in Sachsen-Anhalt in Zeitz?
SSt: Hier laufen viele Aufgaben parallel, die die man klassischerweise nacheinander löst. In diesem Sinne ist das konzentrierte Arbeiten in diesem NEB-Verbund, wo sich immer wieder neue Perspektiven eröffnen, schon sehr inspirierend. Ich denke, es ist wichtig, sich in diesem Zusammenhang von tradierten Bildern zu verabschieden. Wir werden in zwei Jahren ein Ergebnis im nachhaltigen, klimaschonenden und zirkulären Bauen präsentieren, aber eben kein klassisches einer vollständig abgeschlossenen Sanierung wie etwa gegenüber beim ehemaligen Hauptgebäude mit dem heutigen Stadtarchiv.
Und setzen damit ein Initial?
SSt: Ein Industriedenkmal wird zum Energiegenerator und -speicher, zunächst für sich selbst, könnte aber ebenso das Stadtarchiv, das Quartier, den Stadtteil … versorgen. Und das wäre beispielhaft für Gebäude aller möglichen Couleur in diesem Land, die schon viel zu lange auf eine Aufgabe warten. Warum nicht als Energielieferant? Und wenn wir schon nutzungsoffen planen, dann können wir gewisse Faktoren in der Planung auch erstmal ausblenden. Das ist eine ganz neue Denk- und Herangehensweise, die sich übertragen ließe auf ganz viele Standorte in Strukturwandelregionen. Aktuelle und zukünftige Technologieentwicklungen geben uns neue, andere Aufgaben auf. Wer verfügbaren Raum hat, kann ihn auch als Luxus begreifen, zeigen sich Potenziale, entsteht eine Dynamik. Zeitz hat diese Chance. Und das NEB-Reallabor schafft dafür eine große, ja, europäische Aufmerksamkeit.
Herzlichen Dank für das Gespräch!



