„Das Projekt soll Schule machen“ – Im Gespräch mit Prof. Nadja Häupl, Hochschule Anhalt, Architektur, Facility Management und Geoinformation

Experimentieren. Forschen. Ausprobieren. Das NEB_PROJEKT: Reallabor ZEKIWA Zeitz (RZZ)

Frau Professor Häupl, seit dem Start des Reallabors Zukunft ZEKIWA (RZZ) vor gut einem Jahr ist viel konzeptionelle Arbeit von der Hochschule Anhalt geleistet worden. Jetzt wird es konkret, woran zeigt sich das?

NH: Vor allem daran, dass wir jetzt vom Planen ins Umsetzen kommen! Am ehemaligen und seit langen leerstehenden Verwaltungsgebäude 42 der ehemaligen Zeitzer Kinderwagenfabrik ZEKIWA werden bald erste Sicherungs- und Sanierungsmaßnahmen an der Fassade zu sehen sein, die Architekten sind beauftragt. Und wer Interesse hat: Zum „Tag des offenen Denkmals“ am 13. September 2026 präsentieren wir zum Beispiel erste Testfenster. Das sind Zeichen des Baubeginns an der städtischen Immobilie, auf die die Zeitzerinnen und Zeitzer schon lange warten.

Testfenster? Was hat es damit auf sich?

NH: Wir experimentieren gerade an einer Möglichkeit, wie das derzeit fensterlose Gebäude mit einer innovativen Lösung neu geschlossen werden kann. Mit unseren Photovoltaikexperten der Hochschule haben wir ein, nennen wir es „Kastenfenster 2.0“, mit einer Energiegewinnungsschicht entworfen, zwei Prototypen dieser PV-Fenster werden gerade vom Tischler gebaut. Die Fassade bekäme damit eine neue, zusätzliche und nachhaltige Aufgabe – im besten Sinn des Neuen Europäischen Bauhauses (NEB)

Diese Herangehensweise des Experimentierens, Forschens, Ausprobierens steht exemplarisch für das größte NEB-Projekt Sachsen-Anhalts, das Reallabor ZEKIWA Zeitz (RZZ). Die Hochschule Anhalt ist einer der sechs RZZ-Verbundpartner und ist dabei gleich in drei sogenannten „Arbeitspaketen“ aktiv. Welche sind das genau?

NH: Eines dieser Pakete untersucht die Verwendung nachhaltiger, recyclingfähiger und klimaneutraler Baustoffe wie zum Beispiel Moos, Lehm, Hanf oder Japanischen Staudenknöterich. Zudem entwickeln wir einen digitalen Zwilling, mit dem sich unterschiedliche Nutzungsszenarien realitätsnah testen und gemeinsam diskutieren lassen. Ein weiteres Paket dreht sich um das leerstehende, ehemalige Verwaltungsgebäude 42: konzeptionell, aber auch baulich, zudem um das Erdgeschoss im sanierten ehemaligen Hauptgebäude 52 mit dem „Raum der Möglichkeiten“. Und der dritte Part widmet sich dem großen Freiraum rund um die genannten Gebäude sowie der Suche nach interessierten Nutzern oder Betreibern.

In den drei Paketen arbeitet die Hochschule jeweils mit unterschiedlichen Professuren und damit Inhalten?

NH: Eingebunden sind die Designer, auch das digitale Design, die Baustoffkunde, die Gebäude- und Energietechnik, aber natürlich auch die Architektur, die Denkmalpflege und der Städtebau sowie die Landschaftsökologie und die Landschaftsarchitektur. Alles, was wir fachlich beisteuern können, binden wir als Hochschule thematisch stark in unsere Lehre ein. Und die Ergebnisse der Studierendenworkshops speisen sich unmittelbar in das Reallaborein: eine enge Verknüpfung mit der nächsten Generation.

Gutes Stichwort. Die Studierenden haben auf unterschiedlichen Maßstabsebenen gearbeitet – vom Quartier über die Gebäude bis hin zu konkreten Bauteilen.

NH: Genau. Auf städtebaulicher Ebene haben wir für das Areal verschiedene Entwicklungsszenarien entwickelt – von einer behutsamen Aktivierung der Landschaft bis zu einem schrittweise wachsenden Campus – und auf Werkstätten und jüngst auf den Quartiersspaziergängen in der Stadt diskutiert. Für das Gebäude 42 sowie den „Raum der Möglichkeiten“ wurden vielfach Vorschläge als Anregungen entwickelt, Visualisierungen erarbeitet. Bilder sagen mehr als tausend Worte. Dass das Gebäude 42 trotz der großen sichtbaren Schäden noch immer eine hohe denkmalpflegerische und architektonische Qualität und Kraft besitzt, wurde allen dabei mehr als deutlich.

Diese Vorarbeiten sind in europaweite Ausschreibung für die Planungen der ersten baulichen Maßnahmen eingeflossen?

NH: Das war unser Beitrag für die Auslobung der Bauherrin, die Stadt Zeitz. Und das sowohl für die jetzt beginnende sogenannte Teilbaumaßnahme mit der Sicherung und Reparatur der Fassade sowie der Dachwiederherstellung als auch für die Gebäudetechnik, den Freiraum und den Ausbau des „Raums der Möglichkeiten“ – immer unter plausiblen Annahmen einer noch unbekannten Nutzung. Eine große Herausforderung für die Architekten bzw. Planer.

Das Gebäude bleibt leer?

NH: Es gibt noch keinen Nutzer. Und das ist vielleicht der ungewöhnlichste Teil unseres Ansatzes. Wir denken das Gebäude zunächst als geschützte Hülle und als Energiegenerator und -speicher für das benachbarte Stadtarchiv. Darüber hinaus wird das Haus nutzungsoffen gedacht und geplant und in diesem Sinne bestmöglich vorbereitet für eine Vielzahl möglicher Nutzungen. Alles, was wir jetzt investieren, soll jedwede Nutzung nur unterstützen, nichts verhindern. Das ist das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen.

Und genau darin liegt auch der Modellcharakter des Projekts?

NH: Viele Regionen stehen vor der gleichen Herausforderung, ihre wertvollen Industriegebäude zu erhalten, obwohl eine Nutzung auf lange Zeit ungewiss ist und deshalb Entwicklung schrittweise, auch mal nur in Teilbereichen und zugleich mit nachhaltigen Bauweisen und als Baustein der Energiewende angegangen werden kann. Das Zeitzer Projekt soll darin Schule machen. Das beinhaltet auch unkonventionelle Verwaltungsentscheidungen etwa mit Blick auf die „Gebäudeklasse E“ mit der gerade in Kraft getretenen Novelle der Bauordnung in Sachsen-Anhalt. E steht dabei für „einfach“! Das stößt einen Lernprozess auf allen Ebenen an.

Wie kommt die Arbeit des Reallabors in der Stadtgesellschaft an?

NH: Wer unsere Veranstaltungen besucht, ist meist sehr aufgeschlossen. Viele wünschen sich, dass das einstige Industrieareal wieder ein lebendiger Ort wird – etwa für Bildung, Kultur oder innovative Produktion. Gleichzeitig merken wir aber auch, dass wir noch mehr Menschen erreichen müssen. Unser Ansatz ist neu und erklärungsbedürftig.

Herzlichen Dank für das Gespräch!