Peter Zirkel Architekten, Dresden
Herr Zirkel, das NEB_PROJEKT Reallabor ZEKIWA Zeitz (RZZ) wird konkret! Die Stadt Zeitz hat Sie, das Büro Peter Zirkel Architekten aus Dresden, mit ersten Planungsleistungen für das ehemalige Verwaltungsgebäude 42 der ZEKIWA-Kinderwagenfabrik in der Badstubenvorstadt beauftragt. Was steht an?
PZ: Die Stadt Zeitz hat sich entschieden, die Objektplanung – also die klassischen Architekturleistungen für das Vorhaben, nicht an ein einzelnes Büro zu vergeben, sondern mehrere Vergabeverfahren durchzuführen. Hintergrund dafür ist, dass die Nutzung des ehemaligen Verwaltungsgebäudes 42 noch offen, die Bestandssicherung aber jetzt wichtig ist. Dieses erste Vergabeverfahren hat unser Büro für sich entscheiden können. Die Aufgabe umfasst die Planung für die Gebäudesicherung, insbesondere des Tragwerks im Innern, sowie die Sanierung der Fassade und ein neues Dach. Dafür bearbeiten wir gerade die Planungsphasen Grundlagenermittlung und Vorplanung.
Wie gehen Sie mit dem denkmalgeschützten Gebäudebestand um? Wie kann man sich zum Beispiel die zukünftige Fassade vorstellen?
PZ: Das ehemalige Verwaltungsgebäude 42 hat zwei sehr verschiedene Fassaden: eine schickere Schaufassade mit Eingang zum Hof mit einer Klinkervorsatzschale und eine Rückseite zum heute offenen Werksgelände. Die Klinkerfassade ist noch immer massiv und intakt, obwohl sie mit ihren gut 120 Jahren Lebenszeit bereits zwei Kriege überdauerte. Sie wird so hergerichtet werden, dass die Substanz des Gebäudes nicht mehr beeinträchtigt wird, man aber Gebrauchsspuren akzeptiert. Diese Herangehensweise ist NEB pur und trägt auch die Denkmalpflege mit.
Und die Fassadenrückseite?
PZ: Man könnte nach Reparatur auch über eine Fassadenbegrünung nachdenken … Hierfür und auch andere Szenarien hatte im Vorfeld die Hochschule Anhalt mit ihren Studierenden und im Austausch mit der Stadtgesellschaft Ideen entwickelt, die in die Planung einfließen werden. Offen ist noch der Umgang mit Fassadenflächen, wo früher Gebäude angebaut waren. Das Haus war nie ein Solitär auf dem innerstädtischen Industriegelände der ZEKIWA-Kinderwagenfabrik.
Es wird also keine „Hochglanz-Sanierung“ geben?
PZ: Nein. Und dieser Ansatz ist Teil der Forschungswerkstatt RZZ. Prinzipiell ist es schade, dass über die Zeiten so viel Authentisches verlorengegangen ist. Dennoch wollen wir, wenn es irgend geht, keine externen Materialien verwenden, werden nachhaltig und wollen zirkulär bauen. Und sind auf die innovativen Ideen und Unterstützung der Hochschule Anhalt gespannt. Ein Beispiel: Gegenwärtig werden dort sogenannten PV-Fenster prototypisch getestet. Sie sollen einen zusätzlichen Energieertrag liefern und partiell in der Fassade Anwendung finden können, etwa im Dachgeschoss.
Apropos Dach. Es soll ein Energiedach werden.
PZ: Ein Dach, das eben nicht nur gegen Witterung schützt, sondern gleichzeitig elektrischen Strom mittels einer Photovoltaikanlage erzeugt. Allerdings, nicht wie üblich, als Flachdach konzipiert. Wir arbeiten an sehr konkreten Überlegungen für ein „Gewächshaus“, das selbes leisten kann und zudem einen neuen Dachabschluss am Gebäude formuliert. Der könnte dann auch zeichenhaft für das Experimentelle des Gebäudes stehen. In Oberhausen entwarfen die Berliner Architekten Kuehn Malvezzi Ähnliches: den Altmarktgarten auf dem Dach des Jobcenters. Im europäischen Ausland, wie z. B. in Belgien skyfarms oder auch Arbeiten von Lacaton Vasall in Frankreich stehen exemplarisch für solche Gebäudekonzepte.
Das RZZ ist Sachsen-Anhalts größtes NEB_PROJEKT und zugleich das einzige Reallabor. Worin sehen Sie als Architekt die größte Herausforderung bei der Umsetzung des Vorhabens?
PZ: Ich bin der Überzeugung, dass Architektur keine Kunst ist. Sie ist bestenfalls eine angewandte Kunst, eine Kunst, für die es Regelwerke gibt. In der Architektur hängt alles von der Nutzung eines Gebäudes ab. Ist die noch unbekannt, sind diese Regelwerke nicht anwendbar. Das ist die erste und sicher größte Herausforderung. Eine zweite: Es ist ein Vorhaben mit hoher Erwartungshaltung. Und als Architekten schulden wir einen Werkerfolg. Unsere Aufgabe ist daher jetzt, die Ergebnisse der Verbundpartner der Forschungswerkstatt RZZ genau zu definieren und die weiteren Schritte festzulegen.
Gegenwärtig läuft eine zweite Ausschreibung, auch daran haben Sie sich beteiligt?
PZ: Ja, dabei geht es um einen Anbau für einen zweiten Rettungsweg sowie einen Warmwasserspeicher für die Speicherung der erzeugten Energie auf dem Dach. Dieser Anbau soll wie ein „Leuchtturm“ symbolhaft das bestehende Gebäude ergänzen. Hier warten wir gespannt auf die Entscheidung Ende August.
Das RZZ versteht sich als Forschungswerkstatt. Die Idee, das für die Zeitzer Identitätsverständnis so wichtige Haus für einen Erhalt zunächst als Energiegenerator zu entwickeln, könnte Schule machen. Leerstehende Gebäude dieser Art gibt es landauf, landab? Wie sehen Sie das?
PZ: In Zeitz – und nicht nur dort – gibt es sehr viel Leerstand. Und es ist sehr gut, wenn man versucht, wie mit dem NEB-Projekt Reallabor ZEKIWA europaweite Impulse zu setzen, die beispielhaft und beispielgebend sein können: ob mit Blick auf den Umgang mit dem Bestand, in der nutzungsoffenen Planung oder die Integration eines Energiegenerators. Wir kommen aus Sachsen und haben in den vergangenen Jahren mehrfach in Sachsen-Anhalt arbeiten dürfen. Darunter waren auch die Umnutzung einer denkmalgeschützten Industriearchitektur wie die des ehemaligen Schlachthofs in Naumburg (Saale) zum Stadttheater. Es waren stets Aufgaben, die wir in enger und unmittelbarerer Zusammenarbeit mit dem Bauherrn und nicht einem Projektsteuerer lösen durften. Das schätzen wir sehr und freuen uns in diesem Sinne auf die Arbeit in Zeitz.



