Projektname:

Kritzinger Kulturvilla in Droyßig als Basis für erweitertes Kultur- und Energy Sharing

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Projektdetails:
Verbundpartner:
1. Fürst-Otto-Victor-Stiftung-Droyßig (Lead Sanierung, Nutzungskonzept & Betrieb der Kulturvilla)
2. Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS, Halle (Lead Energiekonzept, erweitertes Energy Sharing & Funktionsmuster)
Art des Projekts:
Umsetzung eines Vorhabens im Bereich: Umnutzung/energetische Sanierung eines denkmalgeschützten Jugendstilgebäudes (Kritzinger Villa, ehemalige Direktorenvilla der Droyßiger Anstalten) zur Kulturvilla, verbunden mit angewandter Forschung zu Niedrigenergiesystemen und Energy Sharing auf Quartiersebene
Grundstücksgröße:
Die Villa liegt innerhalb der Liegenschaft der ehemaligen Droyßiger Anstalten, die eine Gesamtfläche von 10.130 m² umfasst. Für die Villa selbst ist keine eigene Grundstücksfläche ausgewiesen. Das zu gestaltende Umfeld umfasst einschließlich der Grundfläche der Villa ca. 400 m².
Projektlaufzeit: 04/2025 – 12/2027
Kontakt:
Fürst-Otto-Victor-Stiftung-Droyßig
Burkhard Schmitt
Zeitzer Straße 3
06722
Droyßig

Projektbeschreibung

Im Ortskern von Droyßig steht mit der Kritzinger Villa, der ehemaligen Direktorenvilla der 1847 dem preußischen Staat gestifteten königlichen Bildungsanstalten Droyßig, ein denkmalgeschütztes Gründerzeitgebäude inmitten des bereits teilsanierten dreiflügeligen Schulensembles – unsaniert und in seinem Bestand gefährdet. Namensgeber ist Wilhelm Kritzinger, erster Direktor der Droyßiger Anstalten und Dichter des zum regionalen Kulturerbe zählenden Weihnachtsliedes „Süßer die Glocken nie klingen“. Der Schulkomplex wurde 2018 an die Fürst-Otto-Victor-Stiftung-Droyßig übertragen, die seither aus eigenen Mitteln mehr als 850 T€ in Fenster, Sanitäranlagen, Heizung, Sandsteingewerke und Außenputz des Hauptgebäudes sowie mehr als 150 T€ in ideelle Projekte investiert hat; eine Sanierung der Villa ist aus Eigenmitteln nicht finanzierbar. Zugleich fehlt in der Gemeinde ein Ort der Kulturproduktion, der die Ressourcen der beiden örtlichen Bibliotheken und der Vereinsstrukturen bündelt. Ziel des NEB_PROJEKTs ist es, die Villa durch sinnvolle Nutzung als Kulturvilla zu erhalten und sie gleichzeitig zum erlebbaren Demonstrator für Niedrigenergietechnik im denkmalgeschützten Bestand zu entwickeln: Bibliothek, Medienlabor und Makerspace, Mentorinnenprojekt, Musik- und Kreativräume, Reparatur-Café und „Ausleih-Bibliothek der Dinge“ entstehen in einem Gebäude, dessen Technik anschaulich gemacht und erklärt wird. Als Verbundpartner bringt das Fraunhofer IMWS Halle die energetische Konzeption ein und entwickelt aus der Sanierung heraus Szenarien für ein erweitertes Energy Sharing – Strom und Wärme – über das Gebäudeensemble der Droyßiger Anstalten hinaus bis in die umliegende Ortslage.

Projektziele

Das Vorhaben verfolgt drei ineinandergreifende Ziele: die nachhaltige Sanierung der Kritzinger Villa als exemplarisches Haus 1, die Entwicklung eines Ausbaukonzeptes zur Übertragung dieser Sanierung auf den gesamten Gebäudekomplex bis hin zum Energy Sharing auf Quartiersebene, und die partizipative Bewertung dieses Ausbaukonzeptes samt prototypischer Subsysteme. Bauliche Grundlage sind kapillare Niedertemperatur-Deckenheizungen und LED-Beleuchtung. Allein durch Kapillarrohrsystem und LED-Technik sinkt der Energieverbrauch gegenüber der bisherigen Ausstattung um rund 65 %. Die neue Heiztechnik bleibt zunächst an die bestehende Heizungszentrale angebunden und wird stufenweise auf Umweltenergie umgestellt; für Schloss und Verwaltungsbau der Verbandsgemeinde im Umkreis von 300 m bietet sich perspektivisch ein kommunales Wärmenetz, etwa auf Basis von Geothermie, an. Alte, solide Bauteile des Originalbestandes – Türen, Treppen und Treppengeländer – werden erhaltend aufgearbeitet; deshalb wurde auf eine Fußbodenheizung verzichtet. Ein denkmalschutzkonformer Außenfahrstuhl an der Nordwestecke erschließt das Haus. Das Fraunhofer IMWS erhebt die energetischen Potenziale am Gebäudeensemble und im umliegenden Quartier und optimiert daraus Energy-Sharing-Szenarien und führt sie in einem Multistakeholderprozess zu einem abgestimmten Ausbauplan zusammen. Parallel entstehen ko-kreativ entwickelte Funktionsmuster: beheizte Bibliotheks- und Schulmöbel in Strukturleichtbau und flexible Raumeinbauten für kulturelle Nutzungen – realisiert mit den Werkstätten der Burg Giebichenstein / Innenarchitektur. Jugendliche werden über eine „Schulbauhütte“ und das Wahlpflichtfach „Planen, Bauen, Gestalten“ in die Bautätigkeit einbezogen und zu Gästeführern und Botschaftern nachhaltiger Sanierung ausgebildet. Ergebnisse werden über das Club-of-Rome-Schulnetzwerk, den Austausch mit der University of South Carolina, Energie-Avantgarde-Anhalt e. V. und das Forum Rathenau verbreitet. In Anlehnung an die Kriterien des New European Bauhaus – „beautiful, sustainable, together“ – versteht sich das Projekt als übertragbarer Prototyp für den gründerzeitlichen Schul- und Denkmalbestand Mitteldeutschlands.

Projektimpressionen

Kriterien nach dem NEB_Kompass

Ambition II: verbinden
Schönheit wird in Droyßig als verbindendes Element zwischen Historie und nachhaltiger Nutzung verstanden. Die Kritzinger Villa prägt mit ihrer lebendig gestalteten Fassade, mit Erker, Türmchen und Wintergarten das Ortsbild an der Wilhelm-Kritzinger-Straße. Die Aufwertung folgt dem Charakter der Räume: Der Wintergarten wird zum Lesezimmer, erhaltene Parkettböden und Kastenfenster tragen die authentische Atmosphäre, und der historische Leitspruch über dem Eingang – „in necessariis firmitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas“ – soll in neuem Glanz erstehen und als Prinzip gelingender Gemeinschaft für das dörfliche Miteinander stehen.
Neue Technik wird zwar verkleidet, aber exemplarisch sichtbar gemacht: Der architektonisch anspruchsvolle Einsatz von Kapillarrohrsystemen in einer Jugendstilvilla macht Niedertemperatur erfahrbar – „form follows energy“ als Anreiz zur Auseinandersetzung, nicht als Verkürzung. Für beheizte Möbel und Raumeinbauten kommen Methoden des Industrial Design zum Einsatz, an den Gestaltungsprinzipien von Werkbund und Bauhaus orientiert und auf eine lange „ästhetische Halbwertszeit“ angelegt. Ein denkmalkonformer Außenfahrstuhl verbindet Zugänglichkeit mit ästhetischem Anspruch. Literatur- und Rezitationswerkstätten, ein Malraum nach Arno Stern, Töpferkurse der VHS und musikalische Ausbildung spiegeln die ästhetischen Qualitäten des Hauses in seiner Nutzung.
Ambition II: den Kreislauf schließen
Statt Abriss und Neubau wird eine wunderbare alte Bausubstanz weitergenutzt: Die ressourcenintensiven Rohbaumaßnahmen eines Neubaus und die damit verbundenen Emissionen entfallen. Die neu zu installierende energetische Versorgung wird mit höchstmöglicher Energieeffizienz umgesetzt; kapillare Deckenheizungen und LED-Beleuchtung senken den Energieverbrauch um rund 65 %, im Bibliotheksbereich sind infrarotbeheizte Lesetische vorgesehen. Eine klimaneutrale Versorgung ist nur unter Einbezug der gesamten Liegenschaft und ihrer Einbettung in die kommunale Wärmeplanung erreichbar – genau dafür erhebt das Fraunhofer IMWS Umweltenergiepotenziale, Energiesenken und Lastverläufe und bilanziert die zu erwartenden Umweltwirkungen der technischen Konzepte. Überschüsse aus den Nutzungs- und Lastprofilen sollen im Energy Sharing ausbalanciert und netzdienlich eingespeist werden.
Nachhaltigkeit endet nicht an der Fassade. Eine Schulbauhütte bezieht Jugendliche in den Sanierungsprozess ein und bildet sie zu Botschaftern nachhaltigen Bauens aus; Ausstattungsteile bleiben sichtbar und werden auf Schautafeln in Funktion und Nachhaltigkeitswirkung erläutert. Ein Reparatur-Café als Teil einer Schülerfirma, die Erweiterung der Bibliothek um eine „Ausleih-Bibliothek der Dinge“ sowie Workshops und Vorträge zur Nachhaltigkeitsbildung verankern zirkuläres Denken im Alltag des Hauses. Open-Source-Werkzeuge wie das Digiplan-Anhalt-Tool werden pädagogisch aufbereitet, und die Methode der Szenarienbildung mit Optimierung gegen die Umweltwirkungskategorien des Environmental Footprint ist standortunabhängig übertragbar. Nachhaltigkeit wird so nicht als abgeschlossener Zustand, sondern als kollektive Lern- und Aushandlungspraxis verstanden.
Ambition III: transformieren
Die Ausgangsanalyse zeigte drei Exklusionsfelder: die bauliche Zugangsbarriere durch Treppen in einem Denkmal, die unsichtbare Barriere zwischen bildungsfernen Familien und klassischen Kultureinrichtungen sowie die exkludierende Wirkung steigender Betriebskosten, die über das Schulgeld des Generalmieters CJD e. V. trotz Freiplatzsystem an die Familien weitergegeben werden. Daraus abgeleitet verschränkt das Projekt Architektur, Programm und Ökonomie: Ein denkmalrechtlich genehmigungsfähiger Außenfahrstuhl an der von der Straße nicht einsehbaren Nordwestecke hebt die Zugangsbarriere auf, während die Villa von der Kritzinger Straße und vom Schulpark mit wenigen Stufen erreichbar ist. Die deutliche Absenkung der Betriebskosten durch das Niedertemperatur-Kapillarrohrsystem eröffnet Spielräume, das Schulgeld trotz steigender Energiekosten zu stabilisieren.
Inklusion entsteht im Miteinander vor Ort: Die Bibliothek dient als Arbeits- und Spielstätte der Lern- und Lesetandems des Mentorinnenprojekts mit der örtlichen Grundschule, der Kinderfreizeittreff öffnet das Haus einem breiteren Publikum, und der mitgliederstarke Kulturverein nutzt es für Versammlungen und Kindertheater. Die nahegelegene Seniorenresidenz liegt am täglichen Weg zum Supermarkt – die Villa lädt zum generationsübergreifenden Dialog ein. Über die Begriffe Energiearmut und Energiepatenschaft hinaus verfolgt das Vorhaben die Demokratisierung von Niedrigenergiesystemen als Beitrag zu gesellschaftlich-sozialer Inklusion: Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern bedeutet ökonomische Planungssicherheit und damit Zugang zu menschengerechtem Wohnen und Lernen.
Ambition III: selbststeuernd
Die CJD-Schulgemeinde hat die Kritzinger Villa bereits 2021 als künftige Kulturvilla benannt. Die Stiftung griff den Impuls auf und lud anlässlich des Tages „NEB_ONTOUR“ am 26.10.2023 zu einem offenen Bürgerworkshop; trotz Herbstferien folgten 24 Schülerinnen und Schüler sowie 16 Erwachsene aus Gemeinde und Vereinen der Einladung. Das NEB-Projektteam moderierte vier Arbeitskreise, verschriftete die Ergebnisse und stellte sie der Stiftung zur Verfügung. Ein daraus gebildeter Arbeitskreis wertete die Ergebnisse aus, diskutierte sie mit den Fachlehrkräften der CJD Christophorusschulen und erörterte sie am 07.03.2024 mit dem Gemeinderat Droyßig, der der Zusammenlegung der Bibliotheken zustimmte. Die offene Frage der endgültigen Bezeichnung – „Kultur-Villa“ oder „Kritzinger Villa“ – wird durch eine Befragung der Droyßiger Bevölkerung von Schülerinnen und Schülern eines Sozialkundekurses geklärt.
Beteiligung bleibt strukturell verankert: Eine Steuergruppe aus Nutzergruppen und Kulturakteuren entwickelt das Nutzungskonzept fortlaufend weiter. Mit dem Fachbereich Hauswirtschaft und Technik wurde die Gründung einer Schulbauhütte in Trägerschaft der Stiftung beschlossen. Reparatur-Café, „Ausleihbibliothek der Dinge“ und die Raumvergabe an Kooperationspartner sind als Schülerfirma geplant und übertragen Verantwortung dauerhaft an die Jugendlichen. Für das erweiterte Energy Sharing sind Multistakeholderprozesse über mehrere Entscheidungsebenen erforderlich: Private Investitionsentscheidungen zur Teilnahme an einem kalten Netz setzen kommunale Vorentscheidungen zu Machbarkeit und Versorgungssicherheit voraus, die das Projekt identifiziert und proaktiv in den Ablauf integriert.
Ambition III: global arbeiten
Das Vorhaben operiert auf mehreren verschränkten Handlungsebenen. Lokal führt die Zusammenlegung der Gemeindebibliothek aus dem Kavaliershaus am Schloss mit der Schulbibliothek in der Kritzinger Villa zu einer neu gedachten Bibliothekskultur, fachlich begleitet durch die Fachstelle Bibliothekswesen im Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt in Halle; VHS, öffentliche und private Musikschulen, Heimat- und Kulturverein, Transmedial Zeitz, Kulturkomplizen e. V. i. G., OPENSPACEZEITZ und weitere Partner tragen das Nutzungskonzept. Regional verzahnt sich das Projekt mit den parallelen Sanierungsplanungen für das Droyßiger Schloss als künftigem Verwaltungssitz der Verbandsgemeinde und der Umwidmung des bisherigen Verwaltungsbaus ggf. zum MVZ – daraus erwächst die Perspektive eines kommunalen Energiekonzeptes; Fraunhofer IMWS, Burg Giebichenstein, MLU Halle, Architekten-, Industrie- und Handels- sowie Handwerkskammer und der Lehrstuhl Physik-Didaktik der MLU verankern Forschung, Ausbildung und Weiterbildung. National und international wirken das Club-of-Rome-Schulnetzwerk, der Schüler- und Studentenaustausch mit der University of South Carolina sowie die Weitergabe der Erkenntnisse an interessierte Kommunen über Energie-Avantgarde-Anhalt e. V. und das Forum Rathenau. Der Schwerpunkt bleibt die lokale Ebene: Überregionale Netzwerke dienen vor allem dazu, Wissen und Ressourcen zu bündeln und Impulse zurück in den Ort zu tragen.
Ambition III: ‘über’ disziplinär
Die Kritzinger Villa wird als Brückenkopf zwischen Wissenschaft, Handwerk, Kunst und Alltagspraxis verstanden: Traditionelles Kulturschaffen wird in ein altes Gebäude gesetzt, in dem nachhaltige energetische Versorgung sichtbar bleibt, erlebbar wird und erläutert wird. Neben der energetischen Auslegung der Gebäudetechnik sind architektonische Herausforderungen im historischen Bestand zu meistern, wobei Methoden des Industrial Design und der Innenarchitektur im Detail unterstützen, während die kommunale Verwaltung ihre Mitwirkung an der Szenarienbildung auf Quartiersebene signalisiert hat; das Fraunhofer IMWS koordiniert dieses interdisziplinäre Konsortium. Die Kernkompetenz des Instituts in der Mikrostrukturaufklärung wird mit Erkenntnissen der Forschergruppe Green Efficient Building zu Dämmstoffen, temporären Bausystemen, saisonaler Wärmespeicherung, dem LowEx-Ansatz, Energy Sharing und gebäudeintegrierter Photovoltaik sowie mit Know-how aus dem Kompetenzzentrum Soziale Innovation Sachsen-Anhalt und der Methode des Life Cycle Assessment verbunden. Funktionsmuster entstehen kooperativ in den Technika des IMWS und den Werkstätten der Burg Giebichenstein; Bibliothekswissenschaftler der HWTK Leipzig charakterisieren typische Nutzungsverhalten auf ihren energetischen Bedarf hin, der in die Entwicklung des Bibliotheksmobiliars einfließt. Schülerinnen und Schüler der Schulbauhütte werden zu Gästeführern ausgebildet und kommunizieren das Gesamtkonzept – ergänzt um Schautafeln, Medienlabor, Podcasts und Social Media. So entsteht ein transdisziplinäres Ökosystem, das formales Wissen aus Hochschulkooperationen und Erfahrungswissen aus Handwerk, Schule und Dorfgemeinschaft gleichwertig verbindet und in Praxis, Forschung und Politik rückspeist.
NEB_Kompass Kulturvilla Droyßig
So funktioniert der
NEB-Kompass (PDF)

Durchführung

Verwendete Tools mit Darstellungen des Arbeitsprozesses

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